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PASTOR JOSEPH RIEGER
,
e i n
Pionier der deutschen evang. Kirche.
Pastor Joseph  Rieger,
ein Pionier der deutschen evangelischen Kirche.
Von Pastor Ed. Huber.
N dem hochinteressanten Buche des Gouv. Koerner über das
deutsche Element in den Ver. Staaten von 1818—1848
findet gerade der Theil des Elementes, der am zähesten an
deutscher Sprache und Sitte festgehalten und am Meisten zur
Erhaltung derselben beigetragen —
das kirchliche —
kaum
Erwähnung. Zwar finden einige katholische Würdenträger,
sowie die anziehenden Gestalten eines Follen und eines Minni-
gerode Berücksichtigung; hingegen heisst es von dem Gründer
der Missouri-Synode —
jetzt dem stärksten deutschen kirch-
lichen Körper in Amerika — blos, dass er ein Blatt gegründet
habe, während der Gründung und der Gründer der deutsch-
evangelischen Synode. — wohl jetzt der zweitgrösste deutsch-ame-
rikanische kirchliche Körper — mit keiner Silbe gedacht wird.
Und doch gehören beide noch in die Zeit vor 1848. Wenn
das kirchliche und religiöse Leben der Deutschen in diesem Zeit-
abschnitte auch nicht so stark in den Vordergrund tritt wie
in anderen Perioden, so sind doch gerade die conservativen,
kirchlichen Elemente für die gesunde und dauernde Entwickelung
unserer Nation die wichtigsten und werthvollsten.
Unter den vielen Namen deutscher Pioniere des Westens
verdient der Name Joseph Riegers, eines schlichten frommen
Predigers, einen Ehrenplatz, nicht nur seines edlen biederen
Charakters wegen, sondern ebenso auch wegen seines Einflusses
und seiner Stellung, die er einnahm innerhalb des deutschen
kirchlichen Körpers, den er mitbegründen half.
Joseph Rieger wurde am 23. April 1811 zu Aurach, bei
Anspach, im Königreich Bayern, geboren. Früh verwaist, fand
er Aufnahme bei Verwandten, zuerst bei einem Onkel, einem
I
24
französischen Offizier in Epinal in Frankreich, dann später bei
einer begüterten kinderlosen Tante auf Schloss Schillingsfürst.
Hier besuchte er eine lateinische Klosterschule und sollte sich
nach dem Wunsche seiner Tante für den Priesterstand vorbe-
reiten. Gegen diesen aber hatte er schon als Chorknabe eine
unüberwindliche Abneigung gefasst und älter geworden, erklärte
er seinen Verwandten offen seinen Entschluss, zur evangelischen
Kirche übertreten zu wollen. Die Drohung der Tante, ihn zu
enterben, rührte ihn wenig, hingegen die Aussicht, bis zu seiner
Majorennität in eine klösterliche Zuchtanstalt geschickt zu werden,
ihn zur Flucht aus seiner Heimath trieb. In der franzosischen
Schweiz, in einem stillen abgelegenen Gebirgsthale des Jura,
fand er bei einem reformirten Prediger ein freundliches Asyl.
Volljährig geworden, kehrte er nach Bayern zurück und trat
öffentlich zur protestantischen Kirche über. Dann bezog er die
berühmte Missionsschule in Basel und besuchte während seines
dortigen Aufenthaltes die theologischen Vorlesungen an der
Universität. Nach vierjähriger Studienzeit wurde er mit seinem
Freunde Wall 1836 nach dem Westen der Ver. Staaten von
Nord-Amerika gesandt, um sich der dort in kirchlicher Bezieh-
ung gänzlich verwilderten deutschen Laudsleute anzunehmen.
Nach äusserst beschwerlicher Keise gelangten die beiden nach
St. Louis, wo Wall gleich seinen bleibenden Wohnsitz auf-
schlug, während Rieger von Alton und später von Beardstown,
Ill., aus als Reiseprediger die zerstreut liegenden deutschen
Ansiedelungen in Illinois, Missouri und Iowa besuchte, predigte,
christliche Schriften vertheilte und Gemeinden organisirte.
Sein eminent praktischer Sinn und seine glühende Liebe zu
seinem Berufe befähigten ihn ganz besonders zu dieser Arbeit.
Manche Gefahren zu Wasser und zu Lande, im Winter wie im
Sommer, hatte er da zu bestehen.
Sein Tagebuch, sowie seine mündlichen Erzählungen, denen
ich oft lauschen durfte, gäben eine Fülle von Stoff zu span-
nenden Erzählungen. So fand er einst an einem nasskalten
Wintertage seinen Collegen Ries auf einer weiten überschwemm-
ten Prärie in Illinois in einem kleinen Häuschen, das nur eine
Stube und den Dachraum enthielt. Der Pfarrsprengel erstreckte
sich über 30 Meilen in der Runde. Der arme Amtsgenosse
25
und seine ganze Familie lagen krank am Fieber. Auf dem
Heerde war das Feuer erloschen und ein in der Nacht zuvor
auf die Welt gekommenes Kälbchen war an einen Pfosten des
pfarrherrlichen Bettes gebunden. Das Zeitalter der Streich-
hölzchen war damals noch nicht angebrochen und der nächste
Nachbar, der Feuer hätte borgen können, wohnte in ziemlicher
Entfernung. Nach vieler Mühe gelang es endlich Rieger, mit
dem letzten Schuss Pulver, den er noch besass, auf der Zünd-
pfanne seiner Büchse das so nöthige Feuer zu entzünden und
die Halberstarrten wieder zu erwärmen.
Da Alton wie Beardstown in fruchtbaren, aber sumpfigen
Fluss-Niederungen liegen, so hatte Rieger viel von den dort
herrschenden Fiebern zu leiden. In Alton wohnte er bei Elijah
P. Lovejoy, dem bekannten Märtyrer der Antisklaverei-Partei.
Beide Männer wurden eng befreundet. Von allem Anfange an
stand Rieger mit Wort und That ein für die Aufhebung der
Sklaverei. Unter seinen Papieren fand ich das Protokoll der
ersten Versammlung der ältesten Antisklaverei-Gesellschaft in
Illinois. Von den Namen der Anwesenden sind mir nur noch die
beiden Lovejoys, ein Beecher und Rieger erinnerlich. Rieger
führte das Protokoll. Als Lovejoy im November 1837 ermordet
wurde von dem Prosklaverei-Mob, war Rieger gerade abwesend
auf einer seiner Predigtreisen.
Bei einer Typhus -
Epidemie, in der er unermüdlich die
Kranken pflegte, wurde er schliesslich selber von der Krankheit
ergriffen, die ihn an den Rand des Grabes brachte. Nothdürftig
genesen, suchte er 1840 Erholung in Deutschland für seine
angegriffene Gesundheit. Dort fand er auch seine erste Lebens-
gefährtin, eine Tochter des Rentmeisters Schemel, auf dem
Gute Beek im Hannöverschen. In dieses Jahr fällt ebenfalls
die Gründung des deutsch-evangelischen Kirchen-Vereins des
Westens, der später den Namen „Evangelische Synode von
Nord-Amerika" annahm nnd in welchem Rieger von den ersten
Anfängen an eine der leitenden und einflussreichsten Persön-
lichkeiten wurde. Rieger war zwar bei der eigentlichen Gründung
(Oktober 1840) im Gravois-Settlement bei St. Louis nicht zugegen,
schloss sich aber gleich nach seiner Rückkehr von Deutschland
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an. Der Kirchenverein, der zuerst nur aus sechs Gliedern
bestand, welche im nächsten Jahre sogar auf vier zusammen-
schmolzen, bezweckte, die zerstreuten deutschen Glaubensver-
wandten der lutherischen und reformirten Kirche zu vereinigen
auf dem Consensus der beiden Confessionen. Die Mitglieder
gehörten sämmtlich der milden melanchthonisch pietistischen
Richtung an und mussten sich Anfechtungen von allen Seiten
gefallen lassen. Der Kirchenverein, obwohl organisch in gar
keiner Verbindung mit irgend einer deutschen Landeskirche,
sondern frei und selbstständig hier in Amerika entstanden,
stand prinzipiell auf dem Boden der kirchlichen Union, wie
dieselbe seit 1817 in Preussen und einigen anderen deutschen
Staaten eingeführt worden war, und wurde deswegen von
dem kampflustigen Professor Walther, welcher die 1839 unter
dem berüchtigten Bischof Stephan eingewanderten sächsischen
Altlutheraner zu der nachmaligen Missouri-Synode organisirte,
als Religionsmenger aufs Heftigste angegriffen und ver-
dammt.
Auf der anderen Seite waren die Lichtfreunde, bei welchen
die Feindschaft gegen die Frommen der vermeintlicheu deutschen
Staatskirche sogar in rohe thätliche Angriffe ausartete, so dass
Pastor Wall in seinem Hause sowohl, als auch auf seinen
Ausgängen von bewaffneten Gemeindegliedern längere Zeit
bewacht werden musste. Das Organ dieser Lichtfreunde war
der von einem gewissen Koch redigirte „Antipfaff." Körner
bezieht sich in seinem Buche wohl auf die Organisation des
Kirchen Vereins, wenn er auf Seite 315 sagt: „In St. Charles
wurde der erste Versuch gemacht, eine protestantische Synode
zu gründen. Dies gab Veranlassung zu bedeutenden Kontro-
versen in der Presse, in dem sowohl rationalistische Geistliche
in St. Louis, als auch die Lichtfreunde überhaupt sich scharf
gegen eine solche Organisation erklärten."
Nach seiner Rückkehr von Deutschland versuchten seine
Freunde, ihn in Alton zu behalten; der in weiten Kreisen
bekannte Abolitionist, Major Hunter, bot ihm ein schönes Haus
frei zur Wohnung au, aber Rieger übernahm eine meist aus
Schweizern und Badensern bestehende Gemeinde in Highland,
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Ill., und zog dann nach etwa Jahresfrist nach Burlington, Iowa.
An der Seite seiner ihm gleich gesinnten Gattin erblühte ihm
ein glückliches Familienleben, das die Schatten einer harten
freudlosen Jugend gänzlich verscheuchte und ihm für die
Entbehrungen und Strapazen seines schweren Berufes reichen
Ersatz bot. Doch nur für kurze Zeit war ihm dies Glück
beschieden. Bereits im Oktober 1843 entriss ihm der Tod die
Gattin und bald nachher ihr Kindlein.
Bezeichnend für die damaligen Zustände an den Grenzen
der westlichen Civilisation, sowie für den Charakter Rieger's
ist folgender Vorfall, dessen er zwar nie erwähnte, den ich aber
indirekt aus dem Munde eines der Hauptbetheiligten bei der
Sache erfuhr. Rieger hatte bei einer Anzahl seiner Landsleute
Anstoss erregt durch seine ernsten Predigten gegen den dort
stark grassirenden Branntweinsuff. In einer Fuselkneipe wurde
von einer Anzahl roher Burschen beschlossen, dem Pfaffen die
Fenster einzuschlagen und ihn ans dem Orte zu treiben. Als
aber die Bande bei Rieger's Wohnung angekommen war, entfiel
Allen, mit Ausnahme des Anführers, der Muth. Dieser, welcher
wohl am meisten mochte getrunken haben, fing an, mit einem
Knüppel sämmtliche Fenster, soweit er dieselben erreichen
konnte, einzuschlagen. Als er an die Thüre kam, wurde diese
von Innen geöffnet und in demselben Augenblick stürzte der
von dem genossenen Getränke jetzt völlig überwältigte Mensch
dem erschrockenen Prediger zu Füssen. Die Anderen ergriffen
die Flucht. Rieger hob den sinnlos Betrunkenen auf und legte
ihn in's Bett, während er für sich und seine Gattin auf dem
Fussboden der Küche ein nothdürftiges Lager zurecht machte.
Als der Mensch am nächsten Morgen wieder nüchtern geworden
war, redete Rieger in so freundlich-ernster und herzgewinnen-
der Weise mit ihm, dass er fortab ein Anderer wurde und ein
ordentliches Leben führte.
Bald nach dem Tode seiner Frau verliess Rieger Burlington
und schickte sich zu einer Rundreise zu seineu Freunden und
früheren Gemeinden an. Bei dem Versuche, den zugefrorenen
Mississippi zu kreuzen, fiel er in eine Eisspalte und wäre um's
Leben gekommen, wenn nicht ein zufällig des Weges kommen-
der Wanderer, ihn herausgezogen hätte.
28
Im Jahre 1844 machte er sich zum zweiten Male auf den
Weg nach Deutschland, um neue Arbeiter und Freunde für
den Kirchenverein, der damals acht Glieder zählte, zu werben.
Ein reicher New Yorker Kaufmann, ein warmer Freund der
deutschen Kirche, Namens Bigelow, schenkte ihm $100 zur
Keise. Anstatt aber in der ersten Kajüte zu reisen, wie Bigelow
wollte, schiffte sich Rieger im Zwischendeck ein und schickte
die dadurch ersparte Summe einem in grosser Geldverlegenheit
sich befindlichen Amtsbruder in St. Louis, Mo. Rieger's Freund
meinte, jede irdische Strafe, geringer als Todesstrafe, könne
im Zwischendeck abgebüsst werden. Das Schiff fuhr nach
Liverpool und die Zwischendecks-Passagiere waren fast lauter
Irländer. In wenigen Tagen hatten diese den protestantischen
Prediger so lieb gewonnen, dass der Kapitän voll Verwunderung
war über die Zucht und Ordnung, welche der bleiche ernste
Mann unter die sonst so rohen und unlenksamen Leute gebracht
hatte.
1845 kehrte er nach Amerika zurück, nachdem er seine
Mission in Deutschland erfüllt und in Frl. Henrietta Wilkens
einer hochgebildeten jungen Dame aus Bremen, eine neue
Lebensgefährtin gefunden hatte. Zuerst widmete er sich längere
Zeit der Reisepredigt und nahm dann im Herbst 1847 den Ruf
an eine junge Buschgemeinde am Charette in Warren Co., Mo.,
an. Den Ruf an eine Gemeinde in Quincy, Ill., die ein ansehn-
liches Pfarrgehalt bezahlen konnte, lehnte er ab, weil die
leicht einen Pfarrer bekommen konnte, nicht so aber die armen
Leute am Oharette. Sein erstes Jahresgehalt betrug $76; seine
Ausgaben beliefen sich auf $72, also ein Reingewinn von
$4. Er behauptete oft lachend, dass er weder vorher noch
nachher in seinem Leben je so viel in einem Jahre von seinem
Pfarrgehalt erspart habe. Hier war er nun in seinem Elemente
unter den einfachen, frommen plattdeutschen Landleuten, ein
amerikanischer Oberlin. Er war nicht nur um das geistliche
Wohl seiner Heerde besorgt, sondern suchte ihr auch in jeder
ändern Beziehung Berather, Vorbild und Helfer zu sein. Sein
praktisches Geschick in allerlei Handfertigkeiten kam ihm dabei
trefflich zu Statten. So z. B. suchte er die Ansiedler zu veran-
lassen, ihre Häuser mit grossen hellen Fenstern zu versehen,
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statt der üblichen kleinen Oeffnungen, welche Luft und Licht
nur spärlich Zutritt gewährten. Jedem, der seinen Rath befolgte,
setzte  er  daher bei einem  Neubau die Fenster unentgeltlich
ein.  Sein Pfarrgarten war das Muster für das ganze Settlement.
Er ermunterte alle seine Pfarrkinder zur Anlage wenigstens
etlicher Blumenbeete und eines Obstgartens, vertheilte Sämereien
und Setzlinge, pfropfte und oculirte junge Obstbäumchen mit
Meisterhand für seine Gemeindeglieder.   Zahllos sind die Anek-
doten und Legenden, welche heute noch in liebevoller Erinne-
rung an den längst Dahingeschiedenen unter der Landbevölkerung
am   Charette   und   Missouri   kursiren.    Nicht   allzuweit von
Charette, in östlicher Richtung an der Grenze zwischen Warren-
und  St.  Charles  County,   lag  eine Ansiedelung sogenannter
lateinischer Bauern, da wo früher Dr. Duden seine missourischen
Idyllen schrieb und später eine Anzahl Adeliger sich niederliess
und das Städtchen Dutzow gründete, zu denen sich schliesslich
noch einige Fragemente der bekannten Giessener Auswanderungs-
Gesellschaf t gesellten, unter ihnen die Münchs, Dr. E. Follen n. a.
Unter diesen lateinischen Bauern  gab es eine ganze Anzahl
feingebildeter, ja grundgelehrter Leute, die unter sich eine Art
Geistesaristokratie bildeten, welche sich von den ärmeren unge-
bildeten deutschen Ansiedlern abgeschlossen hielt. Die Lateiner
huldigten in kirchlicher Beziehung sehr liberalen, ja zum Theil
ultra-radikalen Anschauungen, dagegen konnten die frommen
plattdeutschen Bauern sich mit dem Rationalismus des ,,Farer
West" („Far West": Fr. Münch's Schriftstellername) nie recht
befreunden, noch viel weniger aber mit den extrem-radikalen
Lichtfreunden, und schlössen sich deshalb um so inniger an die
Prediger des Kirchenvereins, namentlich aber an den herzlich
frommen Rieger an.
So war es natürlich, dass das Verhältniss zwischen den
beiden Richtungen manchmal ein etwas gespanntes war; dazu
kam, dass die frei-religiösen Gemeinden der Lateiner keinen
Bestand hatten, und dass diese, obschon sie ausgesprochener-
massen für den Himmel weder Zeit noch Sehnsucht hatten,
auch auf der Erde resp. ihren Farmen herzlich schlecht voran
kamen, während die Frommen bei all ihrem Trachten nach dem
Himmelreich auf ihrer Erdscholle ganz trefflich gediehen, ein
30
lebendiger Beweis dafür, dass die Gottseligkeit zu allen Dingen
nütze ist. (Siehe Gert Goebel, Seite 152.) Die ersten amerikani-
schen Ansiedler hatten sich natürlich die besten Ländereien aus-
gesucht, namentlich die fruchtbaren Bottoms längs des Missouri
und seiner Nebenflüsse. Die Lateiner, welche gewöhnlich bei
ihrer Einwanderung über verhältnissmässig bedeutende Geld-
mittel verfügten, kauften sich meistens gute, schon theilweise
kultivirte Farmen. Hingegen mussten die später nachrückenden
ärmeren Einwanderer mit dem geringeren, hügeligen und stein-
reichen Lande, das vom Missouri weiter zurücklag, vorlieb
nehmen. Der Schwiegervater des alten Gert Goebel sagte
einmal: ,,Diese Kerle klären alles Land, auf dem die Steine
nicht drei Fuss hoch liegen." Aber auch diesem wenig
ergiebigen Boden wussten die fleissigen, genügsamen Deut-
sehen reiche Ernten abzuringen. Im Laufe der Zeit wurden
sie wohlhabend und kamen aus den engeren Seitenthälern
heraus, von ihren steinigen Hügeln herab und kauften ihre
früher reichen amerikanischen Nachbarn nach und nach aus,
und sind jetzt in der zweiten und dritten Generation die Besitzer
des besten Landes dort. Auch die Nachkommen der Lateiner
kommen besser fort als ihre Vorfahren. Man muss aber nicht
etwa meinen, dass diese ursprünglich ärmere Einwanderung
kein anderes Motto gekannt habe, als „Geld auf Erden und einen
Platz im Himmel," wie Goebel sich ausdrückt.
Diese deutschen Bauern errichteten neben ihren Kirchen
gewöhnlich auch gleich eine Schule, und wenn sie keinen
Lehrer besolden konnten, so hielt der Pastor die Schule. Das
ist heute noch der Fall in vielen hundert Gemeinden im
Westen. Diese deutschen Bauern waren bei aller anfänglichen
Armuth ein geistig strebsames Volk, und aus jenen Bevölkerungs-
schichten sind in zweiter und dritter Generation eine ganze
Eeihe namhafter Leute, Beamte, Aerzte, Juristen und Prediger
hervorgegangen. Aber auch schon in der allerersten Generation
finden wir solche; da ist z. B. der vor etlichen Jahren erst
verstorbene Richter Arnold Krekel, der im Jahre 1832 als
armer Bauernjunge mit seinen Eltern einwanderte und bei St.
Charles sich ansiedelte. Er hatte vorher niemals eine andere,
als eine deutsche Dorfschule besucht. Im Laufe der Zeit
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arbeitete er sich aus eigener Kraft zu einem der tüchtigsten
Advokaten des Staates empor, war Vorsitzer der berühmten
Convention von Missouri, welche die Sklaverei abschaffte, und
wurde von dem Präsidenten Lincoln zum Richter des westlichen
Distriktes von Missouri ernannt.
Rieger wusste sich die Liebe und Achtung auch seiner
freisinnigen Gegner vielfach zu erwerben. Er ritt einmal an
dem Gehöfte eines solchen vorüber, wo man sich gerade vergeb-
lich bemühte, einen Blitzableiter auf das Haus zu bringen,
weil sich Niemand auf das Dach wagte. Da meinte der
Besitzer etwas sarkastisch, der Herr Pfarrer, könnte da viel-
leicht helfen, da er ja berufsmässig mit den Dingen in
Höhe sich beschäftige. Rieger stieg auch sofort ab, kletterte
aufs Haus und befestigte den Blitzableiter nach allen Regeln
der Kunst. Fortan war der Lateiner sein warmer Freund.
Ueberhaupt war Rieger jederzeit hilfsbereit. Es war ihm
förmlich ein Bedürfniss, auch da, wo man ihn unfreundlich
empfing und seine guten Absichten gänzlich verkannte, helfend
einzugreifen, wo er Noth fand.
Ein drolliger Vorfall ereignete sich einst auf einer Reise
nach St. Louis, die er, wie damals üblich, im Sattel machte.
Oberhalb St. Charles, bei Hall's Ferry, traf er einen Schweine-
treiber, der versuchte, eine Heerde Säue auf das Fährboot zu
bringen. Sobald er aber die eigensinnigen Grunzer bis an die
steile Uferböschung getrieben hatte, stoben sie nach allen
Himmelsrichtungen wieder auseinander. Schliesslich ging dem
gequälten Menschen die Geduld aus und er fing an ganz
fürchterlich zu fluchen. Rieger, der gerade herzugekommen
war, verbot ihm das. Der biedere Eumäus sah das aber als
einen Eingriff in die amerikanische Redefreiheit an und schloss
den Fremden mit ein in seine Verwünschungen. Dieser liess
sich jedoch durchaus nicht beirren, sondern stieg ab und half
wacker mit, die Schweine auf das Flachboot zu bringen.
Den Schweiss sich von der Stirne wischend, kam der Schweine-
treiber jetzt zu Rieger und entschuldigte sich wegen seiner
Unart. „Herr," sagte er, „ich vermuthe, Sie sind ein Pre-
diger. Es thut mir wirklich leid, dass ich so gotteslästerlich
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geflucht habe und ich bitte Sie um Verzeihung wegen meiner
Unhöflichkeit gegen Sie, der Sie doch so freundlich waren.
Aber die ver....
Biester haben mich auch zu schändlich
geärgert. Ich habe einmal gehört, dass der Herr Jesus eine
Legion Teufel ausgetrieben und dieselben seien in eine Heerde
Säue gefahren. Ich sage Ihnen, ich glaube, sie stecken noch
in den Schweinen."
Pastor Rieger selbst besass eine gute klassische und allgemeine
Bildung. Sein Lieblingsschriftsteller war Mathias Claudius,
der gemüthsvolle Wandsbecker Bote, und Hamann, der Magus
des Nordens, dessen Lektüre sonst nicht Jedermanns Sache
ist. Unter den in Deutschland geworbenen neuen Kräften
befanden sich eine Anzahl tüchtiger junger Theologen. Da
aber diese doch nicht ausreichten, um alle Gemeinden, welche
Prediger haben wollten, zu befriedigen, und da der Strom der
Einwanderung immer mächtiger anschwoll, so entschloss sich
Rieger, in Verbindung mit seinen Freunden, zur Gründung
eines theologischen Seminars, dem Hauptwerke seines Lebens,
welches in seinen bescheidenen Anfängen im Jahre 1848 in
dem kleinen Pfarrhause am Charette seine erste Heimath fand.
Im folgenden Jahre konnte der Grundstein zum ersten Seminar-
Gebäude gelegt werden auf einem zu diesem Zwecke geschenkten
Landstücke in der Nähe von Marthasville. Ein tüchtiger
früherer Seminardirektor aus Deutschland wurde zum ersten
Professor und Inspektor berufen, während Rieger's Schwager
Pastor Birkner, längere Zeit als Lehrer der Anstalt unentgeltlich
diente, bis er nach Hermann ging und dort, trotz der heftigsten
Anfeindungen von Seiten der Lichtfreunde, eine Gemeinde
gründete und eine Kirche baute. Nach drei Jahren kehrte der
hochbegabte edle Mann nach Deutschland zurück und starb
im besten Mannesalter als Universitätsprediger in seiner Vater-
stadt Erlangen.
Rieger hatte die Freude in der Folgezeit um das erste
Seminargebände her eine Reihe stattlicher Bauten sich erheben
zu sehen. Seine Freunde in Neu -
England, namentlich der
schon erwähnte Bigelow, unterstützten ihn vielfach bei seinen
Unternehmungen. Sie hätten allerdings gerne gesehen, wenn
33
die Anstalt mehr nach spezifisch amerikanischem Muster ein-
gerichtet worden wäre, aber Bieger war zu urdeutsch, und
andererseits kaunte er die Bedürfnisse der damaligen Gemeinden
zu genau, als dass er darauf hätte eingehen können.
Es ist für beide Theile ein gleich ehrendes Zeugniss ihrer
Uneigennützigkeit, dass diese Verschiedenheit der Anschauungen
nie trennend zwischen sie trat. Diese edlen Yankees zogen
ihre Hand nicht zurück, sondern unterstützten die rein deutsche
Anstalt so lange, bis der Kirchenverein genügend erstarkt war,
dass er keiner Unterstützung von Auswärts mehr bedurfte.
Das Seminar wurde 1883 nach St. Louis verlegt, während die
Voranstalt, das sogenannte Proseminar, eine Art deutschen
Gymnasiums, sich jetzt in Elmhurst, in der Nähe von Chicago,
befindet. Diese Lehranstalten wurden der Ausgangspunkt reichen
geistigen Lebens und befinden sich in blühendem Zustande bis
zur Stunde, Viele hundert tüchtige deutsch -
amerikanische
Prediger erhielten hier ihre Ausbildung und der ursprüngliche
Kirchen verein des Westens, der seinen Namen nun in „Deutsch-
Evangelische Synode von Nord-Amerika" umgewandelt hat,
zählt gegenwärtig gegen 900 Prediger mit ca. 1100 Gemeinden.
Die ursprünglichen Seminargebäude bei Marthasville werden
jetzt als eine Anstalt für Epileptische benutzt, nach dem
Muster der Bielefelder Anstalten des Pastor v. Boddelschwingh.
Ueberdies besitzt und unterstützt die Synode in vielen Städten
der Union Waisen-, Kranken- und Diakonissen-Häuser.
Rieger blieb am Charette bis zum Jahre 1860. Da griff er
noch einmal zum Wanderstabe und zog nach Jefferson City,
der Hauptstadt Missouris, wo bisher die Deutschen es vergeblich
mit der Bildung einer Gemeinde versucht hatten. Unter seiner
erprobten Leitung entstand bald eine blühende Gemeinde.
Trotzdem er hier bald anfing zu kränkeln, entfaltete er eine
grosse und segensreiche Thätigkeit. Er blieb bis an sein Ende
der Vorsitzer des Direktoriums der synodalen Lehranstalten.
Als er nach Jefferson City kam, war die berüchtigte Jackson-
Legislatur in Sitzung und Rieger wurde von seinen alten
Feinden, den Sklavenzüchtern, bedroht und von seinen Freunden
gewarnt. Es lagen damals Vorschläge vor der Gesetzgebung
34
und wurden allen Ernstes besprochen, auf welchen Körpertheil
man einen Menschen am Besten mit glühenden Bisen brand-
marken möge, der einem flüchtigen Sklaven Speise verabreiche
oder Obdach gewähre. Als dann diese Legislatur vor dem
herannahenden, meist aus Deutschen bestehenden Unionsheere
auseinanderstob, brachten verschiedene südliche Familien, u. a.
ein conföderirter General, ihre Werthsachen dem deutschen
Abolitionisten-Prediger zum Aufbewahren. Solches Vertrauen
genoss er bei Freund und Feind. Die höchsten Staatsbeamten
suchten oft Rath bei ihm in jener kritischen Periode.
Er versah freiwillig und unentgeltlich das Amt eines
Kaplans an dem Staatsgefängniss während des ganzen Krieges.
Es wurden in jener Zeit wenig arme Sünder aus der Strafan-
stalt begnadigt, für die Bieger als allgemeiner Gnadenanwalt
nicht Fürsprache eingelegt hätte, und man erzählt jetzt noch
in Jefferson City von verschiedenen drastischen Auftritten, die
er deswegen mit dem Gouv. Gamble hatte. In seinem Pfarr-
hause fanden oft kranke und verwundete Soldaten und Offiziere
der Unionsarmee Aufnahme und liebevolle Pflege. Mit Freuden
begrüsste er die endliche Emanzipation der Negersklaven, die
in Missouri erst am 11. Januar 1865 erfolgte. Fortan war er
rastlos thätig für die Erziehung dieser armen, unterdrückten
und unwissenden Menschenklasse. Wo er konnte, betrieb er
die Errichtung von Volksschulen für die Schwarzen. Auf
seine und seines Freundes, Richter Arnold Krekel's, Anregung
wurde in der Stadt ein Seminar zur Heranbildung schwarzer
Volksschullehrer, das sogenannte Lincoln-Institute, errichtet,
in dessen Direktorium er bis zu seinem Tode thätig war. Am
20. August 1869 entschlief er sanft nach längerem Leiden.
An seinem Grabe standen der Gouv. Fletcher und die meisten
Staatsbeamten des Staates, sämmtliche Prediger der Hauptstadt,
ohne Unterschied der Confession, eine grosse zahlreiche Ge-
meinde, vor allen aber die Annen und Geringen, Schwarze und
Weisse, denen er ganz besonders sein Leben gewidmet hatte.
Seine Wittwe überlebte ihn eine Reihe von Jahren. Die
beiden Söhne, die bei seinem Tode noch in zartem Kindesalter
standen, sind ebenfalls Prediger geworden. Eine seiner Töchter
35
ist Frau  Clara Berens,  die  sich  als  deutsch - amerikanische
Volksschriftstellerin bereits einen Namen gemacht hat.
Der Verfasser vorliegender Arbeit war von Oktober 1868
bis zu
Rieger's Tode dessen Vikar und wurde dann von der
Gemeinde zum Nachfolger berufen. So sind es zum grossen
Theile persönliche Erinnerungen, die er giebt. Ausserdem
wurden noch folgende Quellen beuutzt: Joseph Bieger, ein
Lebensbild aus der Evangelischen Kirche Nord -
Amerikas,
herausgegeben zum Besten der protestantischen Waisenheimath
bei St. Louis; St. Louis, Mo., 1871. Albert Schory, Geschichte
der Deutschen Evangelischen Synode von Nord-Amerika; St.
Charles, Mo., 1889. Gert Goebel, Länger als ein Menschen-
leben in Missouri; St. Louis, 1877. Friedrich Münch, Erinne-
rungen aus Deutschlands trübster Zeit, dargestellt in den
Lebensbildern von Karl Follen, Paul Follen und Fr. Münch;
St. Louis und Neustadt a. H., 1873. Gustav Koerner, Das
deutsche Element in den Ver. Staaten von 1818 bis 1848;
New York, 1884.
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