Geschichte
der
Deutschen   in   Amerika.
Geschichte der Deutschen in Amerika.
Von Dr.  H. Schönfeld.
Denn es kommt, wie der Blitz aus dem
Gewölke kommt,
Aus Gedanken die That.
An der Schwelle zweier Zeitepochen, die mehr, als tausend
Jahre von einander liegen, hat das Germanenthum in zwei
gewaltigen Revolutionen — einer kriegerischen und einer nicht
minder gewaltigen, aber zunächst friedlichen — die europäische
Welt colonisirt und die Germanisirung Nordamerika's ange-
bahnt. Wenn besonders die uneindämmbare, strotzende Wucht
nordischer Volkskraft, die als eine Götterdämmerung über die
entartete antike Welt hereinbrach und mit dem wildgesunden
Blut germanischer Völkerjugend den gesellschaftlichen Körper
Europa's erneuerte, in einem stetigen, energischen, vielfach
freilich durch Uebervölkerung veranlassten Kriegs- und Rache-
zuge das römische Reich zertrümmerte und damit das Mittel-
alter und ein germanisches Europa erstehen liess, so war es an
der Greuzscheide des Mittelalters und der Neuzeit ausschliess-
lich die Macht des Gedankens, durch die das nunmehr in Ohn-
macht und Zerstückelung liegende Deutschland eine Wieder-
geburt Europa's zeitigte, die ihrerseits wieder in der wunderbar
grandiosen Besiedelung der beiden Amerika auslief.
Die mittelalterlichen Lebensmächte in Kirche, Staat und
Gesellschaft waren alt und morsch geworden. Neue Kultur-
saaten mussten aufsprossen, neue Gesichtspunkte gewonnen,
ein weiterer Horizont eröffnet, neue Hebel in Bewegung gesetzt
werden, um den durch den Scholastizismus versumpften Lauf
deutscher Bildung wieder in Pluss zu bringen. Renaissance
und Reformation sind die beiden Motore von unendlicher
Kraft, die den aus ihnen keimenden Bildungs- und Religions-
sturm erregten, der Deutschland in eine Wildniss verwandelte,
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eine Welt in Trümmer gehen liess, der aber auch reinigend
durch Deutschland und Europa fuhr, neues Leben aus den
Ruinen erblühen liess und auf die Entdeckung eines freien
Landes, eines Asyls für die durch „Rassenhass und Klassenhass
und Massenhass" Verfolgten hindrängte. Denn in diese Zeit
erst fällt die eigentliche, weil jetzt erst recht nutzbar, gemachte
Entdeckung Amerika's. Eine neue, von mittelalterlichen Tra-
ditionen freie Nation musste emporwachsen, um die grosse
Erbin und Trägerin des neuen Systems der individuellen kirch-
lichen Freiheit und politischen Selbstbestimmung zu werden,
für welche die alten Nationen mit den bleiernen Gewichten
monarchischer und geistlicher Ueberlieferungen an den Füssen
immer noch nicht reif waren. (Bancroft, vol. VI, p. 104.)
Aber weder den in Amerika zuerst emporgekommenen Na-
tionen romanischer Rasse, den Spaniern und Franzosen, noch
denen von teutonischem Blut: den Schweden, Holländern und
Engländern, war es vergönnt — oder sie hatten nicht die mo-
ralische Kraft in sich — sich von religiösem Fanatismus frei
zu halten. Was dem Skapulier des Franziskaners oder Jesuiten
im spanischen Amerika sich nicht beugte, verfiel dem Schwerte
seiner militärischen Genossen. Desgleichen zeigt die Verfol-
gung der Quäker durch die Neu-England-Puritaner, die gehäs-
sigen religiösen Spürereien, die den edlen Roger Williams in
die Wildniss trieben, wo er der Begründer von Providence
wurde, die Geschichte der Salemer "witchcraft," die brutale
Unterdrückung der religiösen Freiheit der Katholiken in Mary-
land, die Vertreibung der Puritaner in Virginien durch die
herrschenden Episkopalier, die Unzahl absurder und brutaler
Gesetze, die nicht nur die Handlungen, sondern auch die Mei-
nungen regulirten, wie weit die Colonisten puritanischen und
hochkirchlicheu Schlages davon entfernt waren, die Glaubens-
freiheit und freie Religionsübung, die sie einst hier gesucht,
selbst zu gewähren.
Den Deutschen — und Das ist meines Erachtens die grösste
und bewundernswertheste in der langen Kette der von unserem
Volke auf diesem Boden mit Karst und Hacke, mit Schwert
und Feder vollzogenen Leistungen — oder dem Beispiel deut-
schen Geistes war es vorbehalten, direkt und indirekt die kirch-
liche und religiöse Freiheit, wonach „Jeder nach seiner Façon
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selig werden könnte," die absolute Duldung, die verfassungs-
mässige Trennung von Kirche und Staat, so dass die beiden
Gewalten durch völlige Preigebung der Ersteren nie in Wider-
streit gerathen könnten, auch wirklich durchzuführen. Ich
sage: das Beispiel des deutschen Geistes, denn die Geschichte
hatte wohl gelehrt, wie theuer das Uebergewicht der Kirche
dem „heiligen römischen Reich deutscher Nation" zu stehen
gekommen war, wie Ströme deutschen Blutes für nicht deutsche
Idee'n Jahrhunderte lang den Boden Italien's gedüngt, als
deutsche Könige leeren Phantomen nachjagten und Deutsch-
land immer nur der Tummelplatz der streitenden Parteien in
den
Religionskriegen gewesen. Das sollte sich auf diesem freien
Boden niemals erneuern.
„Das Volk, das zwischen Frankreich und den Slaven
wohnte," — sagt Baucroft, der Altmeister der Vereinigten
Staaten-Geschichte, gründete ursprünglich zwar keine Colonie'n
in Amerika, gab aber dem sich erhebenden Lande theilweise seine
Gesetze der Existenz." Denn das grunddeutsche, freilich lei-
der schon nach kurzer Zeit aufgegebene Urprinzip der Refor-
mation, jedem einzelnen Individuum als solchem die Mitwir-
kung an Staat und Leben zu sichern, Allen das Heil der
Freiheit zu geben, fasste hier allgemein tiefe Wurzeln. Und
insofern der Geist der Reformation, eine Gährung gegen die
Missbräuche aller Art, spezifisch deutsch
war, und diese absolute
Freiheit des Denkens und Urtheilens, die wiederum Selbstbe-
stimmung zum Ziel hatte, sich heilsam aus dieser vielfach
ungekannten Quelle über unser Neuland ergoss, „gab Deutsch-
land diesem Lande seine Gesetze der Existenz," d. h. einer
politisch- und religiös-freien Existenz.
Wie der 4. Juli für die Geburt dieser, der 14. Juli oder
der Zerstörungstag der Bastille, jenes Sinnbildes einer Zwing-
burg der Tyrannei, für die Geburt der französischen Republik
nur ein markirter Punkt in dem natürlichen Entwickelungs-
und Uebergangsstadium der beiden Nationen ist, so ist der 6.
Oktober, der Tag, an dem 1683 die berühmt gewordenen 13
Crefelder Familien in Philadelphia landeten, um kaum drei
Wochen später den Bau der „Deutschstadt" — (Germanopolis,
wie sie ihr erster Bürger, der treffliche Pastorius, in seinem
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Büchlein an seinen ehemaligen Lehrer in Windsheim genannt
hat) zu beginnen —, nur der bescheidene Ausgangspunkt und
Anfang des gedeihlichen Wachsthums. Zahlreichen Nachzüg-
lern als nucleus dienend, wurde Germantown in wenigen Jahren
zu einer blühenden deutschen Musterstadt, die mit ihrem In-
siegel und Inschrift: Vinum, Linum et Textrinum, die Kultur-
sendung der Deutschen in Amerika: Ackerbau, Gewerbe, Fleiss
und heiteren Lebensgenuss trefflich ausdrückte. (cf. Eickhoff
p. 121 nach Prof. Dr. Seidensticker.) Und auf welcher Höhe
moralischen Gehaltes diese Männer standen, beweist ihr feier-
licher Protest vom 18. April 1688 gegen die Sklaverei, der
den Abstand zwischen diesen deutschen und den englischen
Quäkern so recht grell hervortreten lässt. Wohl ist der Leib
dieser in ihrer Einfachheit grossen Männer in Staub zerfallen,
aber der Geist ihrer Gründung besteht noch und soll nicht in
„Aeonen untergehen." Von diesem Gesichtspunkte aus ver-
dient diese kleine, in ihren Folgen aber unberechenbare Lan-
dung sicherlich als der Ausgangspunkt des Deutschthums in
diesem Lande gefeiert zu werden.
Aber der wirkliche Anfang war diese Landung und Grün-
dung nicht. Zahlreiche Deutsche suchten, zerstreut als Sol-
daten in fremden Solde, als Matrosen, Handwerker, Arbeiter,
Abenteurer und Flüchtlinge ihr Glück über dem Meer, aber
losgelöst von allen Beziehungen mit dem Vaterlande als einem
Ganzen, kann ihr Einfluss höchstens ein lokaler gewesen sein.
Noch entziehen sich die Anfänge des Deutschthums in Amerika
unserer Kenntniss. Soviel aber wissen wir bestimmt, dass die
Auswanderung nach Amerika schon im 30jährigen Kriege von
erleuchteten, wohlwollenden Männern den mit Skorpionen ge-
züchtigten Deutschen empfohlen war. Drei Wochen vor seinem
Tode in der Schlacht bei Lützen empfahl Gustav Adolph von
der freien Reichsstadt Nürnberg aus den deutschen Protestanten
die Ansiedlung in Nordamerika als einen „Segen für die prote-
stantische Welt."
Im Verfolg des Planes seines seligen Königs, rief der Kanzler
Oxenstierna im April 1633 die Deutschen auf, Emigranten aus
ihrer Mitte nach Amerika zu senden, und unter deutschem
Schutzbrief wurde eine evangelische Colonie am Delaware be-
gründet. Freilich strömten die Deutschen, zumeist durch
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bittere Armuth gezwungen, durch die wilden Einfälle fremder
Horden verjagt, durch die Unterdrückung zahlloser Duodez-
tyrannen ausgesogen, in den Jahren der Trübsal, als das
deutsche Land in eine Wildniss verwandelt und so niederge-
stampft war, dass sich 200 Jahre lang keine deutsche Flagge
auf den Meeren sehen liess,*) als der Wohlstand aller Klassen
vernichtet war, besonders von den Rheinufern in solcher An-
zahl nach Amerika, dass sie im Laufe eines Jahrhunderts einen
grossen Theil des besten Landes vom Mohawk bis zum Thale
von Virginien in Besitz nahmen und mit der bekannten deut-
schen Hingebung bebauten: aller Gesittung Anfang und blei-
bende Grundlage, der Ackerbau kam damit in raschen Vor-
schritt.
Neues und furchtbares Unglück im Mutterlande förderte
noch diesen Zug nach dem Westen. Die furchtbare Heim-
suchung der deutsch-französichen Grenzlande und besonders
der unglücklichen „fröhlichen" Pfalz durch die drei Raub-
kriege, zumal die Mordbrennereien des dritten unter dem Blut-
hunde Melac, die vandalische Verwüstung des vordem so blühen-
den Landes und die Zerstörung von über 1200 Dörfern und
Städten, von Rastatt und Baden bis hinauf nach Speier und
Worms, um nach einem historisch bezeugten Plane Ludwig's
XIV. die jüngst geraubten deutschen Länder Elsass und Loth-
ringen durch Wüstlegung des gesammten Grenzlandes gegen
Deutschland sicher zu stellen, — veranlassten einen stetig rin-
nenden Auswaudererstrom über Holland und London nach
Amerika aus diesen süddeutschen Ländern. Vielfach erneuerten
sie ihre früheren Heimstätten sogar mit ihren alten Namen im
südlichen Pennsylvanien, um ungehindert ihre Religion auszu-
üben und sich der Früchte ihres Fleisses zu erfreuen.
Mit Liebe und Treue pflegten sie Sprache und Sitten ihrer
alten Heimath; bieder und stark, achtungswerth und fleissig
haben sie ihren traulichen, naturwüchsigen pfälzischen Dialekt
beibehalten — trotz des Hochdeutschen in Kirche und Presse,
trotz der die deutsche Bevölkerung so gut wie gar nicht berück-
sichtigenden englischen öffentlichen Schulen. In guten Stel-
*) mit alleiniger Ausnahme der brandenburgischen Kriegsschiffe, die der
„grosse Kurfürst" als Vorläufer der afrikanischen Colonisation nach Westafrika
entsandte, wo er Fort Friedrichsburg baute.
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lungen der Intelligenz sind die Enkel dieser Deutschen über
die Union zerstreut, und nur die deutschen Namen geben oft
Kunde von ihrem Ursprung.
Waren es hier politische Ursachen, die freilich auch mit
religiösen verquickt waren, welche zur Auswanderung drängten,
so flohen viele Andere ausschliesslich vor religiöser Unduld-
samkeit. Mögen diese deutschen pietistischen Sekten mit ihren
mannigfaltigen, eigenthümlichen Glaubenssätzen uns auch be-
fremdlich anmuthen, so viel steht fest: eine bessere, moralisch
trefflichere Einwanderung zu gewinnen, wäre schlechterdings
unmöglich gewesen. Eine solche Unterströmung war eine
sichere Garantie für das Volksleben der Zukunft. Tiefe Re-
ligiösität, ein edler moralischer Lebenswandel mit aufopfernder
Hingebung für das Ganze und die geistigen Interessen des
Lebens, massvolle Bescheidenheit, Genügsamkeit und Ordnungs-
liebe, starke Ueberzeugungen, aber verbunden mit beinahe
absoluter Duldsamkeit gegen Andersdenkende, die im Vergleich
zu der fanatisch grausamen Indianer- und Religionspolitik des
Puritanismus besonders grell hervorstach, alle diese Tugenden
machen den deutschen Eingewanderten zu dem besten Besie-
delungsmaterial, dessen sich nur ein Land rühmen kann. Und
zu diesen ideellen. Gütern gesellten sich noch die praktischen
Vorzüge, die der deutschen Mittelklasse so eigen sind: Fleiss
und Arbeitsamkeit war ein Bestandtheil ihrer Religion, in Ge-
werbethätigkeit und Ackerbau waren sie allen Anderen voraus.
Die Herrnhuter z. B. errichteten Kirchen und Schulen und
unterrichteten die Indianer in Ackerbau und Gewerben; die
deutschen Quäker, die sich von Lancaster County aus am
Frühesten über Pennsylvanien verbreitet, haben manchen aus-
gezeichneten Namen geliefert; die Mennoniten in Kansas,
Nebraska, Minnesota, Dakota und Canada haben durch ihre
Erfolge im Ackerbau die Bewunderung Aller hervorgerufen.
Eine gute Geistes- und Herzensbildung, das Resultat ihrer
Liebe zur Schule und Kirche, treue Hingebung an die deutsche
Sprache, Strebsamkeit und ausgebildeter Sinn für Gesetz und
Ordnung haben diese Leute zu einer Quelle des moralischen
und materiellen Gedeihens unseres Landes gemacht.
Auch von den Tunkern, Schwenkfeldern, Siebentägern,
den Vereinigten Brüdern in Christo und — wie alle diese
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sonderbaren Heiligen heissen mochten — ist viel Rühmliches
zu melden: ihr Einfluss war ein durchaus wohlthätiger. —
Mit tiefem Schmerz müssen wir heut' nur der Tausende ge-
denken, die durch die Gewissenlosigkeit der Seelenverkäufer:
Rheder und Agenten, in unmenschlicher Weise auf unzuläng-
lichen Schiffen „verpackt" und „verfrachtet," der Krankheit
und dem Tode und, falls sie wirklich das Land ihrer Sehn-
sucht erreichten, der schmählichsten Dienstbarkeit verfielen.