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Denkschrift
über
HENRY L. YESLER.
![]() Denkschrift über Henry L. Yesler.
Gebürtig aus Leitersburg, Md. (1811).
Gründer der Stadt Seattle, Washington.
VON REV.
A. E. SCHADE.
YESLE®'S Leben ist ein sehr bewegtes gewesen. Die Art
von Erfahrungen, von Pionieren seines Schlages und
seiner Tage gemacht, wird bald selbst in Alaska zur märchen-
haften Legende werden. Nirgends tritt so der schroffe Gegen-
satz der Neuzeit jenen primitiven Verhältnissen gegen über, die
da draussen vor 40 Jahren noch lebhaft in die Zeit der Völ-
kerwanderung, an den Beginn des Mittelalters zurückversetzen,
in einer Weise die im nächsten Jahrhundert vom weiten Er-
denrunde verschollen sein oder nur wie aus dem Gebiet alter
Sage auftauchen wird.
Aus der Gegend von Hagerstown also, aufgewachsen unter
der zweiten Generation der Marylander Pioniere, von wo kurz
vorher die Indianer über den Ohio hinüber versetzt wurden,
ans dem Blockhaus seiner Eltern zog der zweiundzwanzigjäh-
rige Zimmergeselle hinaus in die Welt, ,,in, die Wescht." In
Ohio wurde damals das neue Bethlehem geboomt," die west-
lichste Station der Herrnhuter, zwischen Canton und Massilion.
In letzterer Stadt blieb Yesler von 1832 bis 1851. Obwohl
zu FUSS,
mit kärglichem Bündlein dort zugereist, brachte es
Yesler im zweiten Viertel seines Lebens, in den neunzehn Jah-
ren, während deren Ohio in die Reihe der besten Culturstaaten
einrückte und anfing, dem Lande Staatsmänner zu liefern,
brachte er es zu solchem Wohlstande mit seiner Hände Arbeit
und einigem Scharfblick, dass er sich's gestatten konnte, eine
Vergnügungstour nach jener Pacific-Küste zu machen, deren
Ruhm damals die ganze Welt durchdrang. Er vermied den
leicht besäeten, dreitausend Meilen langen Pfad quer durch
Amerika. Er schiffte sich in Baltimore ein, um über den
Isthmus von Panama dem Goldlande bequemer beizukommen.
Seines Bleibens war aber auch nicht in dem Gerempel und
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Getriebe der Goldsucher er suchte ein Glück mehr in der
Stille und stieg in Portland, dem platten Dörfchen am Oregon-
Strome, an's Land. Doch gefiel es ihm dort auch nicht. Das
Nest stand damals in dem Stadium der Prätensionen, ohne
einen Lebensunterhalt bieten zu können. Aber was Yesler von
der Umgegend hörte, namentlich der Puget-Sund-Gegend, die
erst wenige Jahre vor seiner eigenen Geburt überhaupt zum
ersten Male von Weissen mit Entzücken erblickt worden war,
das lockte den Holzarbeiter einige hundert Meilen weiter nörd-
lich. Es fuhren eben die ersten Schiffe von Portland nach
dem neuen Victoria. Ein alter Capitän rieth ihm aber, Yesler
solle von Victoria aus nur noch hundert Meilen südlicher
fahren, nach New York oder Alki (man wusste noch nicht,
wie Denny, der sich eben dort niedergelassen hatte, den Ort
nennen wollte): dort sei das eigentliche Holzland der Welt.
Yesler kam, und die wunderschöne Landschaft mit ihren
unverkennbaren Quellen künftigen Reichthums that es ihm an.
Aus jenen barocken Schneezacken brachten einzelne Waghälse
reichliche Erzproben, edelster Art und von solchen Erz-
gebirgen war der ganze Sund hüben und drüben eingerahmt
Berge, die wir damals in der Geographiestunde zu der Sierra
Nevada rechneten, wodurch es passiren konnte, dass wir sie in
der Nähe von Andalusien dachten Berge zwischen Sund und
Ocean wie der Gotthardt-Alpstock, von denen Yesler damals
selbst nicht wusste, dass sie ein viel grösseres Gebiet beherrsch-
ten, als es der ältere, zahmere Olymp je vermochte. Und aus
den tiefen, feierlich stillen Gewässern schnellte lebensfroh der
Lachs schaarenweise, während in den dunkeln, schluchtigen
Bergströmen es wimmelt von riesigen und doch zarten Forellen.
Und über die 20,000 Quadratmeilen, bis zum 50. Meridian, in
jener Ecke des Territoriums, welches allein so gross ist wie die
Schweiz, verbreiten sich verhältnissmässig so dicht wie Gras-
halme die Fichtenwälder, voll solcher Baumriesen, wie sie ihres-
gleichen auf Erden nicht finden. Dies Alles fesselte den
Mann, der bereits über das Schwabenalter hinaus war, der aber
nun erst den Strebermuth in sich fühlte, welcher seitdem noch
Hunderttausende hintrieb, die noch nicht über's Schwabenalter
hinaus waren, aber reichlich auf Zeiten und Umstände stiessen,
wodurch sie gewitzigt wurden.
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Alki Point war ein Holzfäller-Lager, verbältnissmässig aber
schon eine Art Stadt. Denn die schmierigen, zerlumpten Zelte
der Shiwa-Indianer, welche schon mehr an Esquimeaux erin-
nern, waren aufgeschlagen um drei Blockhütten her, von denen
eine den Kaufladen bildete, zwei als Schenken und Wirths-
häuser dienten. Eine Meile von Alki, auf dem gegenüber-
liegenden Ufer der Bucht, war bereits eine Lichtung von einigen
Ackern geschlagen. Dort, so leuchtete Yesler auf den ersten
Blick ein, passe es ihm besser zur Niederlassung. Dort lieferte
ein einziger Acker Hunderte von solchen kerzengeraden, ast-
losen, fünf (zuweilen fünfzehn) FUSS dicken und 100 bis 200
FUSS
langen Blöcken, wie sie in den Schiffsbauhöfen der Welt
mit 200 Dollars für den Stamm ein gesuchter Artikel sind.
Im Herbst '52 war Yesler angelangt. Im Sommer '53
hatte er schon eine Sägemühle,im Gange, die erste Dampfsäge-
mühle am Puget Sund. Er hatte zwei Heimstätten (sogenannte
donation claims) zu je 160 Acker auf seinen und seiner Frau
Namen eintragen lassen. Ihm ge
hörte nun mancher Baum
am Abhang, der sich von der Bai eine halbe Meile weit, bis
zur Höhe von 500 FUSS,
hinaufzieht. Dass hinter drei weiteren
Hügelreihen und drei weiteren. Meilen der herrlichste blaue
Bergsee (von der Grösse und Art des Züricher Sees) sich in's
Land hinaufzog, gespeist von den Gletschern des Mt. Baker-
Gebirgsstocks, des amerikanischen Mt. Blanc, und von Mt
Reinier (viel vornehmer als jener) das wussten wohl kaum
die Shiwas, die es nicht wagten, den massenhaften Bären in
dieses undurchdringliche Dickicht zu folgen.
Als das der Sägemühle nächst Nothwendige fand Yesler
die Errichtung einer saalartigen Küche, einer Speiseanstalt für
seine erdfarbigen Holzfäller, die sich so gelehrig anstellten, dass
einige sogar die Zeichen richtig auf die Blöcke malen konnten.
Dieses veritable Kosthaus, welches den grossen Brand vor
drei Jahren, aber nicht die darauffolgende Bauwuth, überstand,
hat für die Geschichte der Stadt Seattle viel zu bedeuten ge-
habt. Dort hielt König Seattle von Zeit zu Zeit noch ein
Palaver ab, und Prinzessin Seattle, die jetzt so lederhaft
runzelige, uralte Angeline (die
jetzt der Stadtfiskus noch mo-
natlich mit 2 bis 3 Dollars als Pensionärin unterhält) hat
darin, bereits damals Matrone, ihr wildes, aber einflussreiches
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Regiment geführt, bis die Franzosen gekommen sind und haben
französische Speisezettel und Pariser Küche eingeführt, bis Ber-
liner Kellnörs" den Touristen nun die Honeurs machen "after
the European Plan," und die Söhue Dschepähn's" schaaren-
weise sich Conkurrenz machen, um scharwentzelnd eine riesige
Portion Lachs oder eine winzige Portion Goldfasan für 15
Cents zu serviren.
Das waren idyllische Zeiten, die dem Yesler vergingen in
jener Urwüchsigkeit der Zustände, zwischen seiner Sägemühle
und seiner öffentlichen Halle, welche Magazin, Kost-, Rath-
und Schauspielhaus zugleich war, und dann aber auch wohl
einmal in ein Gotteshaus oder in ein Fort" umgewandelt
wurde zwischen seinen Waldriesen und seinen Zwerg-
Indianern.
Nichtsdestoweniger waren es ernste, harte Zeiten. Welche
Haufen von Verdruss gab es zu verschlucken, bis die Maschie-
nerie aufgestellt war in der ersten Sägemühle, welche von Ohio
herbeigeschafft werden musste, in jenen Vorzeiten, da Chicago
noch die letze Bahnstation, und noch nicht viel grösser war,
als jenes New York oder Alki Point am anderen, neuesten
Ende der neuen Welt. Und welcher Aufwand von Ausdauer
war erforderlich, als das mit so vielen Opfern an Mühe und
Geld hergestellte Etablissement nicht einmal blos, sondern drei
Mal im Laufe des Vierteljahrhunderts in Rauch aufging, um
die Sägemühle doch immer sofort neu in Gang zu setzen, um
die Kunden in Valparaiso, in Honolulu und San Francisco
nicht allzu lang auf ihre Bestellungen warten und das Geschäft
Schaden leiden zu lassen.
Yesler hatte nicht beabsichtigt, sich in der einsamen Wild-
niss dauernd niederzulassen, während Weib und Kind zu
Massilon in der comfortablen Heimath die Rückkehr des Vaters
erwarteten. Aber er machte so viel Geld," und die Zeit ver-
ging so rasch, ohne es einmal durch den Ausfall des Winters
inne werden zu lassen, und es waren nun so viele Leute mit
ihrem Lebensunterhalt von seinem Unternehmen abhängig,
dass er's nicht über's Herz bringen konnte, die schöne Gegend
so bald schon zu verlassen. Zudem wuchs der Zudrang von
Einwanderern, die das Goldfieber von Berg zu Thal und von
Ort z a Ort trieb, bis sie sich überall enttäuscht sahen und
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festzusetzen entschlossen, so dass Yesler auf die Idee kam,
gein abgeholztes Land in Bauplätzen zu verkaufen. Und da-
mit machte er so rasche, so glänzende Geschäfte, dass Yesler's
Familie nun beschloss, die Uebersiedelung zu vollziehen.
Leider traten gerade damals jene ersten allgemeinen Indianer-
Unruhen ein, welche die Sioux in Neu-Ulm entzündet hatten
so weit Washington und Oregon berührt wurden, wohl die
ersten und letzten, aber desto mehr von der allerblutigsten
Art. In jenem Jahre hat Niemand sowohl der Regierung,
als den Wilden, so gute Dienste gethan, als gerade Yesler
vermöge seiner Beliebtheit bei den letzteren, die in ihren Canoes
von Alaska herabkamen, um sich bei ihm etwas zu verdienen
und seinen Ruhm heimzutragen nach Russisch-Amerika.
In den fünfziger Jahren bereits wuchs Seattle zu einer
richtigen Stadt, wenn man auch im Osten gar nichts davon
merkte. Die drei ersten Strassen bestanden aus allerhand
Kauf- und Trinkhäusern, in denen sich australische und
asiatische Seefahrer mit Wallfisch- und Robbenfängern, mit
Deserteuren der Huron Pelz Co. und Abenteurern aus aller
Herren Ländern Rendezvous gaben. Mancher Millionär von
heute begann im Walde mit Holzfällen, war nach einem Jahre
Besitzer eines Ausschankes und nach einem Jahrzehnt eines
Strassengeviertes, wovon jeder Bauplatz $2000 kostete, deren
ich kürzlich etliche für $20,000 habe verkaufen sehen.
Braucht es erwähnt zu werden, dass da Yesler's Mühle
vollauf zu thun hatte? Bauholz und Bretter waren zu liefern
für eine Stadt, die heute unter zehntausenden auch gegen
tausend Häuser von der Gattung zählt, wie sie selbst der
Weitgereiste als elegante Villen gelten lassen muss. Freilich,
Yesler liess sein Geschäft in die Hände einer reichen Gesell-
schaft übergehen, die nun seit Jahren auf der Seattle gegen-
über liegenden Seite des Sundes die grösste Sägemühle auf
Erden im Betrieb hat. Denn er war der Aufregung und des
Aufreibens müde. Er baute sich seine Residenz für etliche
$80,000 und jenes bereits erwähnte Geschäftsgebäude für eine
Viertelmillion, setzte sich zur Ruhe, handelte zum Zeitvertreib
mit Grundeigenthum oder half als Bürgermeister für die Mün-
digerklärung von Washington oder die Reclame seines Seattle
zu agitiren.
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So reich und populär der Mann nun auch ist, so sicher
er seine Renten bezieht, besonders aus dem genannten gross-
artigen Bankgebäude und der bestgelegensten der Schiffswerften
so wenig befriedigend hat sich doch sein Feierabend gestaltet.
Um einen grossen Theil seines Grundbesitzes streiten gegen
ihn die Verwandten seiner Frau, und die Advokaten verstehen
da draussen ihren Vortheil so besonders gut, dass das Gericht
es für nöthig fand, den alten gutmüthigen Mann unter Curatel
zu stellen. Ihn, der Unzähligen zu einer behäbigen Existenz
verholfen, während er selbst nicht selten in einer finanziellen
Klemme steckte und den Lohn einer halbjahrhundert langen
Arbeit und Entbehrung riskirte, um der Stadt zn helfen, ihn,
mit seinen schwieligen Händen, habe ich verhöhnen hören
müssen von einem jüdischen Banquier, weil sein Name auf
einem Wechsel von 200 Dollars werthlos sei.
Kein Wunder, dass Yesler mit mehr Stolz und Freude
auf die Photographie seines ersten einstöckigen Oountry Stores"
(Landkramladens) hinschaute, der, mit thurmhohen Föhren
und Cedern im Rücken, auf der Stelle stand, wo jetzt sein
neuer Palast die meilenlange Reihe ähnlicher Paläste eröff-
net, worin nun der coulante Financier auf der Ecke, mit
Nasenquetscher auf der typischen Nase, seine einträgliche
Boutique miethweise aufgeschlagen hat, wo der Mann von der
Welt nun über den weniger gehobelten Mann der Arbeit spöttelt,
welcher mit Schwielen und Schweiss den Grund legen half
zum Gedeihen eines grossen Landstriches, welcher die Ka-
pitalien produziren half, mit denen der Wucherer nun wuchert.
Zwar setzt sich Yesler stoisch darüber hinweg, dass nach
Seattle Art alles Gezüchte ihn bemäkelt und doch zugleich an
ihm herumschröpft. Nach einer längeren Wittwerschaft, zur
Zeit, da man ihn zum Bürgermeister von Seattle gemacht
hatte, verblüffte er die Gernegrossstädter mit einer Hochzeit.
Als hoher Siebziger noch erkor er sich ein wohlgestaltetes und
wohlgesittetes Mädchen aus armer Familie, um seiner Altge-
sellenwirthschaft ein Ende und den Berechnungen gewisser
Erbbeflissenen einen Strich durchzumachen. Stolz auf seine
Erbin, lässt er sich von seinem Asiaten den Schlag des Lan-
dauers öffnen und von seinem Afrikaner spazieren fahren, um
nachher in seinen üppigen Blumenbeeten zu hantiren, oder mit
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dem Prachtexemplar von einem Bären zu spielen, der sich der
Abwechslung freut. Ausserdem sieht man ihn zum Public
Square hinabwandeln: Hände auf dem Rücken, Brust heraus,
Kopf hoch und mit den Leuten plaudern, die er nicht mehr
so zu meiden braucht, seitdem stadtbekannt ist, wie wenig
er finanzielle Hülfe zu
leisten im Stande ist. Oder man findet
ihn Iesend in seiner gut ausgestatteten Bibliothek, and um
von ihm zu profitiren, muss man ihn dort hören, wie er aller-
hand Silber- und Gründerschwindel denunzirt, von dem der
Nachwuchs schwatzend, statt zu arbeiten und zu leiden, sein
Glück ergaunern wolle. Denn in den Fragen, die das Wohl
und Wehe dieses weiten, reichen Landes und der nachdrängen-
den jüngeren Zeitgenossen betreffen, ist der alte Pennsylvanier
aus Maryland auf dem Laufenden geblieben bis in sein köst-
liches Alter, selbst draussen an der Grenze der Welt und dicht
an der Grenze des von ihm grösstentheils selbst miterlebten
Jahrhunderts.
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